Ist der Friedhof ein trauriger Ort?

von 20. November 2015 Gedanken ums Gedenken

Dieser Artikel zum Friedhof enstand für das Totenhemd-Blog von Petra Schuseil und Annegret Zander. Der Besuch lohnt sich: Ihr findet dort viele schöne und interessante Texte zum Thema Tod, das viel zu wichtig ist, um aus dem Leben ausgeblendet zu werden.

Ist der Friedhof ein trauriger Ort?

Um es kurz zu machen: ja und nein. Und ja. Es ist kompliziert. Deshalb nähere ich mich dem Thema aus drei unterschiedlichen Richtungen.

  1. Der Mensch

    Die wenigsten Menschen sagen, sie gehen gerne auf den Friedhof. Schließlich besuchen wir ihn mittlerweile vor allem für eine Beerdigung. Selbst wenn wir nicht selbst einen Angehörigen zu Grabe tragen und deswegen sehr traurig sind, sehen wir doch immerhin anderen Menschen beim Trauern und beim Weinen zu. Endgültig Abschied nehmen – wer tut das schon gerne? Den Friedhof empfinden wir deshalb als traurigen Ort, weil wir unsere Traurigkeit dorthin mitbringen.

    Mein Grab soll mal so aussehen.

    Mein Grab soll mal so aussehen.

    Funktioniert das Prinzip nicht auch mit guten Gefühlen?
    Ja, warum denn nicht? Im Laufe der Zeit kann das Grab und der Friedhof zu einem Ort der schönen und liebevollen Erinnerungen werden – wenn wir das wollen. Dort können wir noch ein bisschen Zeit mit den Toten verbringen; ihnen Blumen und eine Kerze bringen; mit ihnen schimpfen, weil sie das Unkraut nicht grad selber rupfen.
    Früher habe ich das noch häufig erlebt, dass sich die Witwen während der Grabpflege über die Toten (und auch über die Lebenden) unterhalten haben. So wie wir unsere Traurigkeit auf den Friedhof bringen, können wir mit etwas zeitlichem Abstand auch gute Gefühle und Gedanken mitbringen.

  1. Das Grab

    Dass der Schwatz auf dem Friedhof heute so selten stattfindet, hat viele und auch zum Teil nachvollziehbare Gründe.
    Der Mangel an Zeit führt immer häufiger dazu, dass keine Reihengräber mehr gekauft werden, die müssen nämlich bepflanzt und das ganze Jahr über gehegt werden. Stattdessen nehmen Rasengräber (bei uns mit sicher um die 90% Anteil) immer mehr Raum ein auf den Friedhöfen. Da kommt Rasen aufs Grab, den mäht der städtische Betriebshof, fertig. Die Notwendigkeit, zur Grabpflege den Friedhof zu besuchen, gibt´s also nicht mehr. Somit auch die Gelegenheit, gute Gefühle auf den Friedhof zu bringen

    Moderne Grabgestaltung

    Moderne Grabgestaltung auf einem saarländischen Friedhof

    Schmückt dann wenigstens ein schöner, persönlicher Gedenkstein das Grab (wenn schon keine Blumen)?
    Ob ein Grabstein schön ist oder nicht, liegt im Auge des Betrachters. Ich habe leider oft den Eindruck, dass der kreative Aspekt und die Idee eines personenbezogenen Grabmals überhaupt keinen Platz mehr in den Überlegungen haben. Zunächst einmal regelt die Friedhofssatzung: Wie groß darf der Stein sein, wie breit, wie dick. Häufig auch noch die Bearbeitungsart, ob Elemente aus Glas, Metall usw. verwendet werden dürfen. Sogar der Winkel, in dem die Schriftplatte aufgestellt wird, ist nicht selten festgelegt. Ganz im Ernst, da toben sich die Bürokraten so richtig aus. Sollten dann die Grabsteine noch nicht einheitlich genug sein, gibt leider häufig noch der Steinmetz sein Möglichstes, um Nullachtfuffzehn-Industriesteine zu verkaufen. Dazwischen baut man noch eine Urnenwand, wo persönliche Gesten wie Kerzen oder Blumen erst gar nicht erlaubt sind …. Ja, wenn das kein trauriger Ort ist, dann weiß ich es auch nicht.

  1. Der Friedhof

    Und so setzt sich die Trostlosigkeit über das einzelne Grab über den gesamten Friedhof fort: Waren sie früher noch richtige Parkanlagen mit wunderschönen großen Bäumen, kleineren Grabfeldern, Büschen und Rückzugsmöglichkeiten, so wird heutzutage immer öfter auf Baum, Blume und Hecke verzichtet. Die Kommune spart das Geld für die Friedhofsgärtner. Schön ist das nicht, aber Hauptsache, es beschwert sich niemand über Laub auf dem Grab.

    Rasengrabfeld ohne Baum, Blume oder Weg - wer will an einem solchen Grab gedenken.

    Rasengrabfeld ohne Baum, Blume oder Weg – wer will an einem solchen Grab gedenken.

    Ist der Friedhof nur noch ein Ort für die Toten?
    Doch auf einem riesigen Grabfeld ohne einen einzigen Strauch steht man immer auf dem Präsentierteller. Kein Wunder, dass dort kein Lebender gerne Zeit verbringt. Selbst Wege zwischen den Grabreihen werden nicht mehr immer gebaut. Dann steht man bei der Beerdigung mitten auf den Gräbern fremder Leute. An alte Menschen, die den Friedhof mehrheitlich besuchen und eher schlecht zu Fuß sind, hat da auch niemand gedacht. Von Sitzbänken ganz zu schweigen.

    Deshalb wundert es mich auch nicht, dass Friedwälder so beliebt sind: Inmitten der Natur, wo an Wege und Ruhebänke gedacht ist, fühlt man sich wohl. Wenn ich nur die Wahl zwischen einem genormten Rasengrab, einer Urnenwand (die mich immer stark an ein Bahnhofsschließfach erinnert) und dem Friedwald hätte, würde mir die Entscheidung auch leicht fallen.

Ist der Friedhof ein trauriger Ort?

Ja – weil man für immer Abschied von einem geliebten Menschen nehmen muss.

Nein – weil am Grab Zeit mit dem Toten verbringen, liebevoll an ihn denken kann, in der Natur, die zeigt: Das Leben geht weiter.

Ja – weil wir ihn dazu machen.

Mein Bild vom Friedhof ist natürlich von denen in unserer Region geprägt. Gut möglich, dass es bei Ihnen noch ganz anders aussieht. Ich wünsche es Ihnen! Und bitte interessieren Sie sich weiterhin für das Thema. Fast immer begründet eine Kommune ihre gedankenlosen Maßnahmen nämlich mit: Die Leute wollen das so.

Katja Hobler

About Katja Hobler

Katja Hobler probiert unheimlich gerne sich selbst und neue Dinge aus. Daher ist sie sehr dankbar, dass sie bei Natursteine Glöckner nicht nur für Strategie, Marketing und CSR zuständig ist, sondern noch für eine gute Handvoll anderer Bereiche.

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